
Gewalterfahrungen – Eine Überforderung für unser Nervensystem
Gewalterfahrungen – Eine Überforderung für unser Nervensystem
Wir leben in einer Gesellschaft, die sich durch ein hohes Maß an Gewalt selbst in ihren Strukturen erhält. Das können wir beobachten, wenn wir einen Blick sowohl auf unser direktes Umfeld als auch auf das Weltgeschehen werfen.
Immer noch gilt das Gesetz des Stärkeren. Vielleicht auch des Reicheren. Immer noch gilt vor allem das Gesetz des weißen Mannes. Er nimmt sich, was er haben will. Gerade möchte eine Handvoll weißer männlicher Wesen die Weltherrschaft an sich reißen. Sie haben es bereits in hohe Machtpositionen gebracht. Sich ihnen entgegenzustellen, erfordert mit jedem Tag, der vergeht, mehr Mut und mehr Kreative Intelligenz. Vielleicht haben die weißen männlichen Wesen vergessen, dass alles, was man sich mit Gewalt aneignet, nur mit weiterer Gewalt erhalten werden kann. Möglicherweise nehmen sie es auch billigend in Kauf. Vielleicht sind sie so sehr an gewaltvolle Handlungen und Strukturen gewöhnt, dass sie nichts außergewöhnliches dabei finden. Irgendwie grotesk.
Ab wann ist es Gewalt?
Gewalt beginnt nicht mit einem Mord, einem Raubüberfall oder einer Vergewaltigung. Und auch nicht mit einer Kriegsoffensive.
Gewalt ist allgegenwärtig und häufig so subtil, dass sie erst bei genauerem Hinschauen als solche wahrgenommen wird.
- Im Straßenverkehr beispielsweise. Am vergangenen Rosenmontag, als wir nachmittags (mitten in einem kleinen Dorf am Niederrhein) am Straßenrand auf den Kinderzug warteten, wurde ein Kind von einem Auto angefahren. Rettungswagen, Notarzt, Polizei. Das ganze Programm. Warum dürfen Autos wie immer durch die Straßen fahren, während ein Karnevalszug, der extra für Kinder angekündigt ist, durch den Ort zieht? Ich erlebe es als einen Akt der Gewalt, dass Erwachsene es billigend in Kauf nehmen, Kinder zu verletzen, weil es unkomfortabel sein kann, mit dem Auto einen Umweg zu fahren oder ein paar Schritte zu Fuß zu gehen.
- Wo bleiben weltweit die Kinderrechte? Wann werden Kinderrechte endlich klar formuliert und im Grundgesetz verankert? Mit welcher Berechtigung setzen sich permanent erwachsene Menschen über die Bedürfnisse von Kindern hinweg? Und tun oft so, als würde es den Kindern nicht schaden. Nur weil es immer so war? Wenn wir z.B. für unsere Kleinsten (0-3Jahre) entscheiden, dass sie täglich stundenlang in eine Kita müssen, nehmen wir billigend in Kauf, dass sie dabei krank werden. Es ist längst erwiesen, dass der Cortisolspiegel dieser Kinder signifikant erhöht ist. Das ist Gewalt!
- Naturschutz. Mittlerweile ist es sogar offiziell, dass die Biene als das wichtigste Lebewesen auf unserem Planeten gilt. (koha.net) Gleichzeitig genehmigt die EU-Kommission, dass Glyphosat weiterhin in der Landwirtschaft genutzt werden darf. Ein herber Schlag für die Artenvielfalt. Und ein klarer Gewaltakt. (umweltinstitut.org)
- Diesen Blog schreibe ich vor allem für Frauen. Nicht zuletzt ist das Maß der Gewalt an Frauen weltweit enorm hoch. Alle Frauen kennen Gewalterfahrungen. In Deutschland kommt im Durchschnitt eine Frau pro Tag zu Tode weil sie eine Frau ist. Ein sogenannter Femizid. Ich behaupte, dass es extrem wenige bis gar keine Frauen gibt, die nicht schon mindestens einmal in ihrem Leben sexualisierte Gewalt erfahren haben.
Wie eine Krankheit frisst sich Gewalt durch die gesamte Geschichte der Menschheit. Der katholische Theologe Gotthard Fuchs hat zu diesem Thema einen interessanten Artikel für das Kirchenmagazin „Andere Zeiten“ geschrieben. Der Artikel trägt den Titel „Verwickelt in eine Mordsgeschichte“. Du kannst das Magazin als PDF herunterladen.
Gewalterfahrungen – Ein hohes Maß an Stress!
Gewalt zu erleben bedeutet ein erhöhtes Maß an Stress. Gewalt zu erleben erzeugt Angst!
Insbesondere dann, wenn wir konkret Opfer einer Gewalttat werden und dies weder Würdigung noch Nachsorge erfährt, speichert der Körper das Gewalterleben als Traumainformation ab. Gewalt stellt eine komplette Überforderung für unser Nervensystem dar. Das ist auch der Grund, warum wir dieses extrem hohe Maß an Stress, während es geschieht, nicht in vollem Umfang fühlen können. Der Körper geht in einen Überlebensmodus. Und bleibt unter Umständen darin stecken. Noch Jahre und Jahrzehnte später treiben die Folgen von unverarbeiteten Gewalterfahrungen in unserem Körper ihr Unwesen. Sie bestimmen maßgeblich, wie wir uns fühlen und in hohem Maße unser Handeln. Der Körper weist uns mithilfe von Schmerzen, Verspannungen, emotionalem Ungleichgewicht, Krankheit oder psychischen Störungen daraufhin, dass es noch alte, versteckte Erfahrungen gibt, um die wir uns kümmern sollten.
Auch dann, wenn wir Gewalt nicht selbst erleben, sondern „nur“ Zeuge sind, kann das eine Überforderung für uns bedeuten. Bei Kindern beispielsweise, die wiederholt Zeuge von häuslicher Gewalt werden, ist es sehr wahrscheinlich, dass auch sie sich irgendwann um die entsprechenden Folgestörungen kümmern müssen.
Bilder von Gewalt sind auch Gewalterfahrungen
Das gilt ebenso für das Anschauen von Bildern, die Gewalt darstellen. Da hilft auch eine Triggerwarnung wenig. Im Youtube oder bei Instagram beginnen die Videos und Reels bereits, wenn du nur drüber scrollst. Du musst nicht mehr – wie früher – darauf klicken. Die Betreiber entscheiden das für dich. Du kannst dich letztendlich nur entscheiden, wie oft und ob du überhaupt auf diesen Plattformen agierst oder nicht. Alleine das stellt schon einen sehr aggressiven – also gewaltvollen – Akt dar.
Das bittere Bündnis von Sucht und Gewalt
Zwischen Suchterkrankungen und Gewalt besteht ein enger Zusammenhang. Sucht kann sowohl Ursache als auch Folge von Gewalt sein. (gesundheitsforschung-bmbf)
Wir leben in einer Suchtgesellschaft. Möglicherweise erklärt das den Umstand, dass wir ebenso in einer Gewalt-Gesellschaft leben. Gehe ich durch einen gewöhnlichen Supermarkt, fühle ich mich umgeben von Suchmitteln. Es beginnt bei endlosen Regalketten, gefüllt mit Süßigkeiten und Knabbergebäck. Weiter geht es über große Mengen alkoholischer Getränke bis hin zu den Tabakwaren (und nochmal Süßigkeiten) im Kassenbereich. Wir erleben dieses Angebot als normal. Aber ist es das wirklich? Oder findet hier ein mächtiger Gewaltakt der Lebensmittelindustrie beim Verbraucher sein Ziel? Was weißer Industriezucker im Gehirn und im restlichen Körper anrichtet, wird zurzeit immer umfangreicher untersucht. Von Alkohol und Zigaretten fange ich gar nicht erst an.
Noch etwas zum Thema Sucht: Wie oft am Tag greifst du unbewusst oder aus Langeweile zum Smartphone? Auf diese Frage erwarte ich keine Antwort. Warum? Weil mein eigenes Verhalten an manchen Tagen mir Antwort genug ist.
Und wie finden wir da raus?
Stellt sich uns allen die Frage: Wie finden wir den Weg heraus aus dem Dilemma? Wie kann es gelingen, dass wir uns der uns umgebenden täglichen kleinen oder größeren Gewaltakte mehr bewusst werden? Wir wollen doch alle lieber lieben. Und tun stattdessen Dinge, die mit Liebe wenig bis gar nichts zu tun haben. Warum fürchten wir die Liebe mehr als die Gewalt? Aus Gewohnheit?
Ich finde, dass wir ältere Frauen auf dem Gebiet Gewaltlosigkeit Pionierinnen sein können. Und sollten. Und um das sofort klarzustellen: Damit meine ich nicht, dass wir uns alles gefallen lassen müssen. Oh Nein! Vermutlich ist eher das Gegenteil der Fall. Ganz unaufgeregt können wir die Liebe zum Hauptwerkzeug unseres Handelns machen. Wenn Gewalt in unserer Gesellschaft eine treibende Kraft ist, wird Liebe zu einem Akt des Widerstands. Dazu zählt jede einzelne kleine Handlung, die mit Liebe ausgeführt wird. Das ist uns älter werdenden Weibern zuzutrauen. Die „Omas gegen Rechts“ machen es vor. Sie haben sich zu einer ernstzuehmenden Kraft entwickelt. Wir alle sind schon lange genug auf der Welt, um zu wissen, worauf es ankommt.
Gewalterfahrungen und Selbstliebe
Am besten fangen wir – wie immer – bei uns selbst an. Selbstliebe üben, still werden, beobachten, was in uns und um uns herum geschieht. Wir dürfen unser – im wahrsten Sinne des Wortes – angeschlagenes Nervensystem heilen. Wieder lernen, unserem gesunden Menschenverstand und vor allem unserer Intuition zu trauen. Damit aufhören, alles und wirklich immer alles zu bewerten. Vergleich und Bewertung tragen per sé ein gewisses Maß an Gewalt in sich. Wer bin ich, dass ich urteile?
Ich wünsche uns allen einen klaren Blick und den Mut, beherzt zu sprechen und zu handeln, wenn es erforderlich ist. Ich wünsche uns, dass wir miteinander solidarisch sein können. Auch mit den Männern, die uns unterstützen. Nur miteinander finden wir den Weg heraus aus der alltäglichen Gewalt. Nicht gegeneinander. Miteinander!
In diesem Sinne
Alles Liebe …
Deine Daniela
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